Sommer-Spezial: Warum eine Postkarte aus dem Urlaub mehr wert ist als ein Foto in der Cloud

Sommer-Spezial: Warum eine Postkarte aus dem Urlaub mehr wert ist als ein Foto in der Cloud

Marco Thalmann

Wer kennt das?

In den letzten Ferien steht man in einem Souvenirshop vor einem Postkartenständer, während in der einen Hosentasche das Smartphone liegt – mit über 100 neuen Fotos vom Ausflug. Und trotzdem braucht man locker zehn Minuten, um sich für eine einzige Karte zu entscheiden.

Das bringt einen dann selbst zum Nachdenken: Warum eigentlich, wenn man in der gleichen Zeit eine Vielzahl von Fotos machen kann, die erst noch praktisch in der Cloud gespeichert sind? Die ehrliche Antwort ist wohl: Die meisten dieser Fotos wird man nie wieder anschauen. Sie verschwinden in irgendeinem Ordner, sortiert nach Datum statt nach Bedeutung, und ein Jahr später weiss man nicht mal mehr, welcher Sonnenuntergang welcher war.

Die Postkarte dagegen hat es schwerer, einfach zu verschwinden. Man musste sie aussuchen, beschriften, zur Post bringen – und irgendwann nimmt sie jemand aus dem Briefkasten mit einem lächeln und pinnt sie vielleicht sogar an den Kühlschrank!?

Das ist doch der eigentliche Punkt. Ein Foto ist in einer halben Sekunde gemacht, ohne dass man gross darüber nachdenkt. Eine Postkarte braucht Zeit – angefangen beim Souvenirshop, der überhaupt noch Postkarten im Sortiment hat, dann die richtige Karte finden, überlegen, was man eigentlich schreiben will, um es dann von Hand auf die Karte zu bringen. Genau diese Langsamkeit ist es, die sie wertvoll macht – schliesslich reden wir alle von Entschleunigung. In einer Welt, in der alles sofort verschickt wird, fühlt sich eine Postkarte fast an wie eine kleine Gegenbewegung.

Sie sagt: Ich hab mir Zeit für dich genommen.

Und dann ist da noch die Handschrift. Ein Foto zeigt einen Ort. Eine Postkarte zeigt einen Menschen – die krumme Zeile, den Kaffeefleck in der Ecke, wie man jemanden anspricht. Das erzählt am Ende fast mehr über die Ferien als das Motiv auf der Vorderseite. Spoiler: Viel Spass beim Entziffern meine Handschrift …

Und noch ein Punkt, welcher für die Postkarte spricht.

Eine Postkarte kann man anfassen. Drehen, riechen, in ein Buch legen und Jahre später zufällig wiederfinden. Sie braucht kein WLAN und übersteht Systemupdates, verlorene Passwörter und gelöschte Accounts. 

Die eigenen Fotos von vor zehn Jahren liegen irgendwo auf einer Festplatte, an die man sich kaum noch erinnert. Aber die Postkarte, die einem die Grossmutter mal aus Italien geschickt hat, liegt oft immer noch in der Schublade. Damit soll nicht gesagt sein, dass Fotos schlecht sind – im Gegenteil, sie halten Momente fest, die eine Postkarte nie könnte. Aber vielleicht ist genau das der Unterschied:

Fotos macht man für sich. Postkarten schreibt man für die anderen!

Deshalb wird man wohl auch diesen Sommer wieder an einem solchen Kiosk stehen bleiben, eine Karte aussuchen und ein paar ehrliche Zeilen schreiben.

Nicht weil es praktisch ist. Sondern weil es zählt.

Ich wünsch euch einen gemütlichen Sonntag und einen schönen Sommer.

Euer Marco
von misromanshorn

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